Charles Taylor: Das Unbehagen an der Moderne

Während den Abschlussprüfungen kam ich nur sporadisch dazu, zusätzlich zu lesen. Ein Werk, mit dem ich mich beschäftigen musste, blieb jedoch "hängen", nämlich Charles Taylors' "Das Unbehagen an der Moderne". Taylor ist einer der renommiertesten US-amerikanischen Philosophen - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen afrikanischen Diktator. Sein Gegenstand ist die Konstituierung von Gemeinschaft und individueller Identität.
Gemeinschaft? Dies ist ein, wenn nicht der, zentrale Begriff in Taylors Arbeiten. Er gilt als der große Gegner des politischen Liberalismus, genauer: der Vorstellung, daß Individuen vollkommen unabhängig von den anderen eigene Lebenspläne entwerfen und verfolgen können, daß Gesellschaft nur eine Summe zahlreicher Individuen ist und daß Politik ausschließlich aus der Aggregation individueller Interessen und anschließender Überführung in Gesetze besteht.
Taylor möchte vielmehr den Gedanken einer familienähnlichen Gemeinschaft revitalisieren. Vorbilder sind ihm dabei die antiken Demokratien oder die frühneuzeitlichen italienischen Stadtstaaten. Die Bürger eines Staates oder einer Region sollten sich in viel stärkerem Maße als bisher für ihre Gemeinschaft einsetzen. Diese Gemeinschaft bildet jene Hintergrundfolie ("moralische Landkarte"), die die Konstitutionen einer individuellen Identität erst ermöglicht. Etwas unklar bleibt jedoch, wie die Beteiligung aussehen soll. Taylor nennt hier lediglich verschiedene Varianten der Partizipation, etwa Wählen gehen, sich in Bürgerbewegungen oder Parteien engagieren etc.
Bei diesem Buch handelt es sich nicht um Taylors Hauptwerk, das sich "Quellen des Selbst" nennt und mehr als 1000 Seiten umfasst. Mit "Das Unbehagen an der Moderne" hat man eine kleinere (120 Seiten) Alternative, die leicht verständlich und gut lesbar in das Denken dieses Philosophen einführt.